Vision JournalMichael Obert
10.03.2021

Interview mit Michael Obert:
"Die Personal Vision ist wie ein Leuchtturm."

Interview: Daniela Grittner

Michael Obert hat mehr als 20 Jahre als Journalist, Buchautor und Regisseur aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Seine Texte wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sein Regie-Debüt, der Kino-Dokumentarfilm „Song from the Forest“ schaffte es 2016 in die Vorauswahl für die Oscars. Mit Ende 40 hat sich der Erfolgsautor und -journalist dann noch mal neu erfunden. Seither unterstützt er als Executive Coach Menschen und Unternehmen dabei, eine starke Vision zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen.

Herr Obert, laut dem Marktforschungsinstitut Gallup sind drei von vier Arbeitnehmern in Deutschland – darunter zahlreiche Führungskräfte – frustriert im Job. Macht Ihre Arbeit Sie glücklich?
Sehr. Ich habe den schönsten Beruf der Welt.

Auch am Montagmorgen?
Ja. Vielleicht sollten wir zwischen Beruf und Job unterscheiden. Ein Job ist etwas, wovon Sie leben. Ein Beruf ist etwas, wofür Sie leben, was Ihnen Freude bereitet und Sie erfüllt. Als Coach habe ich mich für einen Beruf entschieden.

Hatten Sie nicht auch schon mal frustrierte Phasen, in denen Sie nur noch Dienst nach Vorschrift machten oder innerlich gekündigt hatten?
Als Arbeiterkind bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es – gefühlt zumindest – bei der Berufswahl noch ums nackte Überleben ging. Wahrscheinlich habe ich in den 1980ern deshalb BWL studiert, „etwas Vernünftiges“, das nach einem ordentlichen Gehalt und einer sicheren Rente klang. Mitte der Neunzigerjahre war ich dann ein erfolgreicher Jungmanager in Paris. Tolles Gehalt, teure Anzüge, von außen betrachtet sah mein Leben wunderbar aus. Doch meine Arbeit hatte nichts mit mir zu tun, innerlich fühlte ich mich leer. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn man sich morgens aus dem Bett quält und das Gefühl hat, dass das Leben sinnlos an einem vorüberzieht.

Wie ging das damals in Paris weiter?
Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und gekündigt. Ich reiste mit dem Rucksack nach Südamerika, um herauszufinden, was ich vom Leben wollte. Diese Reise hat zwei Jahre gedauert. Ich habe bei indigenen Völkern in Mexiko, den Anden und im Amazonas gelebt und fremde Sprachen gelernt. In dieser Zeit habe ich meine Faszination für die Menschen entdeckt. Seither habe ich eine klare persönliche Vision.

Zwei Traumberufe gegeneinander eingetauscht

Welche ist das?
Am Ende will ich auf ein spannendes und selbstbestimmt geführtes Leben zurückblicken und für positive Veränderungen gekämpft haben. Ich will Menschen inspiriert und Dinge in Bewegung gebracht haben. Das mag pathetisch klingen, aber was soll‘s: Ich will die Welt einfach ein Stück besser machen. Nach meiner Rückkehr damals habe ich meinen Kindheitstraum verwirklicht: Ich wurde Auslandsjournalist. Mehr als zwei Jahrzehnte lang habe ich aus vergessenen Paradiesen, aber auch aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Und meine Vision leitet mich bis heute. Den Traumberuf des Auslandsjournalisten habe ich zuletzt gegen meine neue Rolle als Executive Coach eingetauscht. Erneut eine Herzensentscheidung.

„Never change a running system“ dürfte demnach nicht zu den Ratschlägen gehören, die Sie Ihren Klienten geben.
Ich zitiere mal sinngemäß den japanischen Dichter Basho: Wenn du auf dem Gipfel des Berges ankommst, geh einfach weiter. Das trifft es für mich ganz gut, denn auch funktionierende Systeme werden früher oder später zur Komfortzone. Ich begleite viele Klientinnen und Klienten – darunter Top-Führungskräfte, Unternehmer, Spitzensportler, Politiker – für die sich ihr “running system” eine Zeit lang ganz gut angefühlt hat. Sie hatten oder haben Erfolg, aber irgendwann beginnt dieses System zu wackeln. Es fehlt dann oft an Bewegung, Herausforderung und Intensität. Und damit an Freude und Sinn. Dann stellen sich Langweile oder Frust ein, das Gefühl sich im Kreis zu drehen, wie ferngesteuert oder wie gelähmt zu sein. In dieser Situation ist es wichtig, Veränderungswünsche wahr- und ernstzunehmen – und eine starke Personal Vision zu entwickeln.

Michael Obert recherchierte für seine Reportagen auch in der gefährlichsten Stadt der Welt, in Mogadischu, der kriegszerstörten Hauptstadt von Somalia. Foto: Archiv Michael Obert.

Für eine Vision gibt es unterschiedliche Definitionen, welche ist Ihre für diesen im Grunde mystischen Begriff?
Eine betont nicht-mystische, ohne jede Esoterik. Stattdessen ganz praktisch: Die persönliche Vision ist ein konkretes und attraktives Bild von einem Zustand, den wir im Leben erreichen wollen. Nah genug, dass wir seine Realisierbarkeit noch sehen können. Fern genug, um die Begeisterung für eine neue Wirklichkeit zu erwecken.
Eine starke Personal Vision beantwortet die Frage nach dem Warum, also nach dem Sinn. Warum tue ich das, was ich tue? Wo will ich hin? Wer außer mir hat noch etwas davon? Die eigene Vision greifbar zu machen und zu formulieren, ist deshalb so wichtig, weil sich alle Ziele und die dafür wichtigen Entscheidungen an ihr ausrichten können. Im Leben wie im Unternehmen. Unsere Personal Vision ist wie ein Leuchtturm, der auch bei widrigen Verhältnissen dafür sorgt, dass wir innerlich klar bleiben und uns nicht verirren.

Geben Sie uns ein Beispiel?
In den 1990ern, damals noch als Auslandsjournalist, traf ich Nelson Mandela in Südafrika und fragte ihn, was ihm unter dem Apartheid-Regime die Kraft gegeben hatte, 27 Jahre lang im Gefängnis durchzuhalten. Mandela lächelte und sagte: „Die Gewissheit, dass Schwarze und Weiße in Südafrika eines Tages nebeneinander im Bus sitzen dürfen.“ Für diese Vision von einer Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle kämpfte Mandela entschlossen und mit hohem Einsatz – bis die Apartheid besiegt war. Für mich bedeutet das: Eine starke Vision setzt ungeahnte Kräfte frei. Sie schenkt uns innere Klarheit und Fokus, beides Grundvoraussetzungen für eine aktive Lebensgestaltung und damit für mehr Schubkraft, Freude und Sinn.

Man muss nicht Nelson Mandela heißen.

Mag sein, aber nicht jeder ist ein Mandela.
Na und? In Berlin-Kreuzberg, wo ich wohne, ist mir kürzlich ein Straßenreiniger aufgefallen. Seine Kollegen arbeiteten missmutig. Er hingegen sang und wirkte sehr zufrieden, während er Plastikbecher und Zigarettenstummel aufsammelte. Als ich den Mann nach seiner Arbeit fragte, antwortete er: „Ich sorge dafür, dass sich Menschen in den Straßen von Berlin wohlfühlen.“ Ein klarer Fall von Personal Vision.

Und wenn man schlicht nicht der visionäre Typ ist?
Nach tausenden von Coaching-Sessions bin ich überzeugt: Jeder Mensch hat eine persönliche Vision. Nur wissen das die wenigsten. Kaum jemand kann seine Vision in Worte fassen. Ihre volle Kraft entfaltet sie aber erst, wenn sie als Leitbild formuliert im Alltag präsent und abrufbar ist. Für mich gibt es einen sehr sicheren Weg, eine Vision aufzuspüren: Er führt über die Begeisterung eines Menschen. Wofür brennen Sie wirklich? Bei welcher Tätigkeit vergessen Sie die Zeit? Wofür brauchen Sie keine äußere Motivation, weil diese von innen heraus ganz von selbst entsteht?

Wie läuft ein Vision Coaching bei Ihnen ab?
Meine Klientinnen und Klienten kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Berlin und verbinden ihre kompakten Sessions mit einem Hauptstadtbesuch. Alternativ coache ich auf einer Finca auf Mallorca. Um eine starke Personal Vision zu entwickeln, begleite ich meine Klienten in der Regel über drei Monate oder wir arbeiten kompakt an zwei halben Tagen. Unternehmensvisionen sind ein komplexerer Prozess, an dem meist Führungskräfte und Teams teilnehmen. Oft gibt es echte Gänsehaut-Momente. Ein Manager aus der Filmbranche kam vor einiger Zeit zu mir und sagte, er sei „eigentlich ganz glücklich“. Er war Anfang 50 und beruflich sehr erfolgreich. Doch seine Augen wirkten matt, seine Gesten schlaff. Er sagte, er komme morgens kaum aus dem Bett und habe Angst vor einem Herzinfarkt. Im Coaching entwickelte er seine Vision: ein Leben im Süden, am Meer, ein eigenes kleines Hotel in Spanien. Sie hätten ihn sehen sollen, er wirkte auf einmal wie verwandelt und sprühte vor Energie.

Menschen inspirieren, sich einsetzen, Dinge bewegen, die Welt voranbringen. Michael Obert auf Reportage in Ostafrika. Foto: Armin Smailovic.

Die meisten Menschen in Deutschland scheinen von einer eigenen Vision weit entfernt zu sein. Immer mehr melden sich wegen psychischer Probleme krank. Die Zahl solcher Krankentage hat sich in innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Arbeit ohne Sinn macht krank. Egal ob Sie Lagerarbeiter, Informatikerin oder Vorstand sind. Studien belegen ganz klar: Wer seinen Job nicht erfüllend findet, hat öfter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Menschen, die hingegen ihrer Vision und damit ihrer Begeisterung folgen, schöpfen Kraft und Motivation von innen. Sie sind nicht nur gesünder, sie gehen auch mit deutlich mehr Leichtigkeit und Freude durchs Leben. In unserer Gesellschaft, in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, fehlt es in der Arbeit häufig an sinnstiftenden Elementen, das besagt der stetig steigende Krankenstand.

Findet aufgrund dieser negativen Entwicklung ein Umdenken in der Unternehmenswelt statt?
Ein gutes Arbeitsklima bedeutet aus Sicht der Mitarbeiter und Führungskräfte: Wie unterstützt mich mein Unternehmen dabei, meine Arbeit selbstbestimmter zu gestalten? Wie sorgt es dafür, dass ich meine Stärken, meine Fähigkeiten und meine Begeisterung so oft wie möglich einsetzen kann? Wie garantiert es mir, dass ich stetig etwas Interessantes dazulernen und mich entfalten kann und dass ich meine Arbeit als sinnvoll empfinde? Viele Unternehmen tun sich mit dieser Herausforderung schwer. Zugleich wissen sie: Wenn sie keine überzeugenden Antworten auf diese Fragen finden, ertrinken sie in einer stetig steigenden Flut aus Krankmeldungen und inneren Kündigungen. Ein wirtschaftlicher und menschlicher Alptraum.

Authentisch führen mit einer starken Personal Vision.

Gefordert sind dabei vor allem Führungskräfte, die wiederum selbst unter besonderem Druck stehen.
Gerade Top-Führungskräfte kommen oft mit persönlichen Themen ins Coaching. Sie spüren, dass sie ihre Aufgaben im Unternehmen nur dann sehr gut wahrnehmen können, wenn sie in allen Bereichen möglichst stabil und balanciert im Leben stehen. Wenn ihnen eine starke eigene Vision fehlt, wenn sie mit sich selbst und der Welt unklar sind, keine Richtung haben und sich wie im falschen Film fühlen – dann mutiert Führung zum Rollenspiel. In einem erfolgreichen modernen Unternehmen ist Führung aber vor allem eins: authentisch. Und Authentizität kann man weder einstudieren noch auf Dauer vorspielen. Authentizität resultiert aus innerer Überzeugung, Begeisterung und dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – aus einer starken Vision.

Coaching erlebt seit einigen Jahren einen Boom. Was sind dafür aus Ihrer Sicht die Gründe?
Ausgelöst durch die Globalisierung und Digitalisierung befindet sich unsere äußere Welt in einem massiven Wandel. Sie wird immer schneller, immer komplexer, immer unberechenbarer. Das erschwert uns wichtige Entscheidungen. Unsicherheit und Ängste nehmen zu. Unsere innere Welt – Gedanken, Gefühle, Werte – hat Mühe, mit den beschleunigten Veränderungen umzugehen und die Chancen zu nutzen, die sich dabei auftun. Das gilt für Menschen und ihre Lebensentwürfe. Und das gilt in Zeiten von New Work und agilem Management auch für das Top-Management und für Unternehmen.

Ist der Coaching-Boom nicht trotzdem mit Vorsicht zu genießen?
Wenn Sie damit Esoterik-Gurus, Speaker mit Pop-Star-Allüren und Webseiten mit Sonnenuntergängen und Pusteblumen meinen: unbedingt! Mit professionellem Coaching hat das nichts zu tun. Im 21. Jahrhundert stehen wir vor gewaltigen Herausforderungen. Um sie zu meistern, braucht es exzellent ausgebildete, lebens- und welterfahrene Coaches. Sie können unsmit bewährten lösungs- und potentialorientierten Methoden dabei unterstützen, unsere Unternehmen, unsere Arbeitswelt und unser privates Leben bestmöglich zu gestalten.

Was ist aus dem Manager und seinem Hotel in Spanien geworden?
Er hat ein Haus in einem idyllischen Ort an der Costa Brava gekauft. Er besichtigt geeignete Grundstücke, trifft erfolgreiche Hoteliers, lässt sich von spannenden Häusern inspirieren. „Ich fühle mich wieder richtig lebendig“, sagte er, als wir uns kürzlich trafen. „Mein Hotel wird Menschen glücklich machen – alles ergibt wieder Sinn.“

Tipps
&
Hacks

Tipps zur Annäherung an Ihre persönliche Vision:

1. Nehmen Sie sich etwas Zeit und fragen Sie sich in Bezug auf Ihren Beruf oder Ihr Privatleben: Wie wäre es richtig gut für Sie? Wenn es optimal ist, wie ist es dann? Wie sieht Ihr Best Case aus?
2. Schärfen und definieren Sie Ihren Best Case schriftlich so, dass er wirklich attraktiv und eine echte Herausforderung für Sie ist.
3. Stellen Sie sicher, dass Ihr Best Case so beschaffen ist, dass Sie Ihre persönlichen Stärken und Fähigkeiten einsetzen können, um ihn zu erreichen.
4. Fragen Sie sich dann: Was habe ich schon, um meinen Best Case zu erreichen? Und was brauche ich noch dafür?
5. Was könnten meine nächsten Schritte sein?

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