Vision JournalMichael Obert

Sinn im Top-Management - die Währung des 21. Jahrhunderts.

Mehr Sinn als im Top-Management geht nicht. Eigentlich. Top-Executives folgen einer starken persönlichen Vision, bewegen zentrale Hebel und bringen Dinge in der Wirtschaft, der Politik und der Kultur im großen Stil voran. Management auf höchstem Level bedeutet nicht zuletzt, Zugpferd und Vorbild sein, Menschen inspirieren, die Welt ein Stück weit prägen. Und klar, natürlich müssen auch die Zahlen stimmen.
Sinn, Sinn, überall Sinn – und doch: Was die Antwort auf ihr Warum betrifft, stecken viele Top-Führungskräfte in einer tiefen Krise. Trotz Einfluss und Macht fehlt es ihnen oft an Wirkung, weil sich ihr Schaffen in der Intransparenz komplexer globaler Prozesse auflöst. Viele fühlen sich insgeheim um ihre wohlverdiente Wertschätzung betrogen. Oder es plagt sie das Gewissen, weil ihre Geschäftsfelder eher dazu beitragen, unserem Planeten zu schaden, als ihn ein Stück voranzubringen.
Persönlicher Lebenssinn – nicht zu verwechseln mit dem Sinn des Lebens – ist kein Gefühl wie Angst, Wut oder Freude. „Sinnerfüllung ist die grundlegende Erfahrung, dass das eigene Leben sinnhaft und wertvoll ist, dass es sich lohnt, gelebt zu haben“, schreibt die Sinnforscherin Tatjana Schnell, Professorin an der Universität Innsbruck, in ihrem Buch Psychologie des Lebenssinns.
Sinn im Leben entsteht also aus der Bedeutung, die wir als Individuen unseren eigenen Handlungen und Erfahrungen zuschreiben. Was dem einen Sinn stiftet, kann die andere als sinnentleert empfinden. Unsere Bewertungen bleiben unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, solange alles gut läuft. Bewusst erfahren wir Sinn meist nur, wenn er uns fehlt – am schmerzlichsten als Sinnkrise.

Eine Sinnkrise ist kein “Luxusproblem”

„Angesichts der Probleme auf der Welt ist das doch Jammern auf hohem Niveau“, meinte kürzlich eine überaus erfolgreiche Geschäftsführerin aus der Medienbranche. Sie war von ihrem Vorstand systematisch um ihre Erfolge gebracht worden, indem man diese für die eigenen ausgab; sie wurde gemobbt und schließlich gekündigt. Der klar gewonnene Rechtsstreit änderte nichts daran, dass sie alles, was sie danach anging, als sinn- und nutzlos empfand.
Die Sinnfrage in einem reichen Land wie Deutschland: „Doch eher peinlich.“ Ihre Sehnsucht nach Erfüllung: „Ein Luxusthema.“ Sie verstehe beim besten Willen nicht, warum es ihr nicht gelänge, „einfach drauflos zu leben!“
Einfach leben – zweitweise kann das funktionieren. Doch bei fast allen Menschen stellt sich vehement die Sinnfrage, sobald etwas den Fluss unseres Erlebens unterbricht und unsere Perspektive verändert. Todesfall, Krankheit, Trennung oder Kündigung, auch eine Pandemie wie Corona oder eine Branchenkrise können einschneidende Ereignisse sein, die das Warum auf einmal zu einer quälenden Frage machen.
Die Forscherin Tatjana Schnell hat in ihren Studien herausgefunden, dass wir unser Leben dann als sinnhaft empfinden, wenn wir es – meist unbewusst – als kohärent, bedeutsam, orientiert und zugehörig bewerten. Vor 50 Jahren war das noch sehr viel einfacher: Meine Großeltern hatten vier Kinder, sprachen täglich ihre Gebete, zweimal die Woche gingen sie zur Kirche. Die Großfamilie war Teil einer Dorfgemeinschaft. Als Bauern pflanzten sie Kartoffeln und Getreide und folgten dem Lauf der Jahreszeiten.
Für sie, wie für die meisten Menschen damals, gab es durch Familie, Religion und landwirtschaftliche Zyklen einen roten Faden. Jeder wurde gebraucht und hatte seinen Platz in der Gemeinschaft. Hätte ich meine Großeltern nach ihrem persönlichen Sinn gefragt, sie hätten mich verwundert angeschaut. Sinn ergab sich einfach aus der Realität jener Zeit.

Die Anfänge der Menschheit. Michael Obert verbrachte als Buchautor, Regisseur und Journalist mehrere Jahre bei den Jägern und Sammlern in den Regenwäldern des Kongobeckens. Foto: Matthias Ziegler.

Davon sind wir heute Lichtjahre entfernt. Im 21. Jahrhundert ist Sinn zur kostbaren Währung geworden. Denn in der westlichen Überflussgesellschaft können wir für unser Handeln und unsere Entscheidungen nicht mehr auf ein übergeordnetes Konzept zurückgreifen. Kohärenz, Orientierung Bedeutsamkeit und Zugehörigkeit – die vier Kriterien der Sinnerfüllung nach Tatjana Schnell – sind längst zu einer Frage persönlicher Entscheidungen geworden. In unserer hochbeschleunigten, hyperkomplexen Welt müssen wir uns den roten Faden unseres Lebens selbst erkämpfen und ihn immer wieder neu definieren. Das Streben nach Sinn, eine Herkulesaufgabe.
Die gute Nachricht: Unsere liberale pluralistische Gesellschaft mit ihren enormen Freiheitsgraden und Möglichkeiten bietet eine gute Grundlage für individuelle Sinnstiftung. Nur leider: Nicht für alle. Denn während Menschen, die von ihren Persönlichkeitsmerkmalen her sehr gut mit Ungewissheit, Komplexität und Gegensätzen umgehen können, unsere Zeit als eher sinnförderlich erleben, geht es jenen, die Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit weniger wichtig finden, genau anders herum: Sie fühlen sich von der Multioptionsgesellschaft überfordert. Und wünschen sich eher eine Welt, die klare Strukturen, eindeutige Orientierung und Zugehörigkeit vorgibt.

Die drängende Frage nach dem Warum.

Extreme Beispiele für Letzteres habe ich bei meinen Recherchen als Reporter oft getroffen: Menschen, die in Deutschland die Mauer wiederhaben wollen. Oder sich nach einem autoritären Staat sehnen. Oder sich als Kinder der Wohlstandsgesellschaft einer Terrormiliz in Afrika oder im Nahen Osten anschließen – weniger aus religiöser Überzeugung, wie sie mir ganz offen sagten, sondern weil sie damit Identität, Zugehörigkeit und Sinn in ihr als leer empfundenes Leben bringen wollten.
Die Bedeutsamkeit des eigenen Tuns und Seins wird immer weniger spürbar. Selbst an den Hebeln der Entscheiderinnen und Entscheider im Top-Management. Was die eigene Arbeit bewirkt, bleibt oft nebulös. Die immer drängendere Frage nach dem Warum, die sich daraus ergibt, verbindet uns mit unserer Selbstverantwortung. Im beruflichen Kontext ist diese eine Aufforderung zur Veränderung oder zur bewussten Entscheidung für das, was ist.

Sinn und Sinnhaftigkeit entstehen oft in der Bewegung - geistiger ebenso wie physischer Bewegung, wie hier bei Michael Obert auf Recherche im Südsudan. Foto: Matthias Ziegler.

„Unsere Arbeitswelt muss erneuert, umgeformt, umgestaltet werden – und ich kann etwas dafür tun“, sagte mir meine Klientin, die Geschäftsführerin, die von ihrem Vorstand zuerst gemobbt und dann unrechtmäßig gefeuert wurde, in einer ihrer letzten Coachingsessions. Sie hat sich bewusst für Veränderung entschieden. Als Medienberaterin setzt sie sich inzwischen in ihrem eigenen Unternehmen für ein neues und menschlicheres Verständnis von Arbeit in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung ein. Damit hat sie einen neuen persönlichen Sinn gefunden.

Wir Menschen konstruieren unablässig Sinnhaftigkeit und Sinn.

Als Menschen sind wir unablässig dabei, Sinn für uns zu konstruieren. Wie die Forscherin Tatjana Schnell in ihren Studien zeigt, funktioniert das besonders gut, wenn wir unser Handeln auf unsere persönlichen Werte und Überzeugungen ausrichten. So gewinnen wir die Klarheit und die Orientierung, die wir brauchen, um unseren Alltag zu strukturieren und Sinnerfüllung zu erleben.
Der Begriff „Sinn“ geht auf die indogermanische Wurzel sent zurück und bedeutet ursprünglich „eine Richtung auswählen, eine Fährte suchen“. Etymologisch gesehen, entsteht Sinn also, wenn wir ganz bewusst auf ein attraktives Ziel zugehen. Der Weg macht Sinn, nicht das Ziel.
„Das eigene Leben wird als sinnvoll wahrgenommen, wenn es Gestalt annimmt als eine Geschichte“, so Sinnforscherin Schnell. „Eingebunden in den Lauf der Geschichte(n).“

Tipps
&
Hacks

Und was erfüllt Sie mit Sinn?

In meinen Einzelcoachings mache ich sehr gute Erfahrungen mit der Ultimate Meanings Technique des russischen Psychologen Dimitry Leontiev. Damit finden Sie heraus, was Sie in ihrem Leben antreibt, was Ihnen wichtig ist und worin Sie persönlichen Sinn finden. Am besten funktioniert sie als Frage-und-Antwort-Spiel zu zweit:

1.Stellen Sie sich diese Ausgangsfrage: Was ist für Sie ein guter Mensch?
2.Hinterfragen Sie Ihre erste Antwort: Und warum? Wofür steht das für Sie genau? Was bedeutet das für Sie?
3.Hinterfragen Sie auch diese Antwort auf oben beschriebene Art.
4.Wiederholen Sie dieses Vorgehen, bis Sie eine grundlegende Bedeutung erreicht haben, die nicht mehr hinterfragt werden kann.

Fragen Sie sich dann, ob Sie dieser „Letztbedeutung“, dieser ultimate meaning, genügend Platz in Ihrem Beruf und Ihrem Privatleben einräumen. Ob sie vielleicht mehr Aufmerksamkeit braucht. Und was Ihre ersten Schritte sein könnten, um sie mehr in Ihr Leben zu holen.

Tiefer eintauchen? In Ihrer kostenlosen NEXT LEVEL-Session klären wir, worum es Ihnen geht und wie ich Sie als Coach am besten unterstützen kann.